Kunstkonzept

Im nachfolgenden Abschnitt lege ich verschiedene künstlerische Positionen dar. Diese werden stetig erweitert, ergänzt, verändert und erneuert.

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Heldenethos – Malwände als transzendierte Malräume

Meine Arbeit ist stark durch Symboliken und verschiedene Techniken geprägt, welche sich aus meinem biographischen Erleben reflektieren. Dieses Werk markiert in diesem Sinne eine Zwischenstufe der Metamorphose eines symbolischen „Bild-Biographie-Schmetterlings“ (so könnte man ihn nennen), der seine Anfänge in naiven Formgebungen und stark realbezogenen sowie zwischenzeitlich stark abstrahierten Malweisen und Bedeutungsebenen, zwischen den inhaltlichen Polen der höheren Ethik und naiven Erinnerungsreproduktion, bewegt. Dieser „Schmetterling“ erweist sich in dem hiesigen Stadium wie ein Tier, das zwischen den Extremen des Seins und Nicht-Seins schwankt, um sich selbst zu positionieren.

Manifestierte Malweisen, welche sich wiederholt in meinen malerischen Werken wiederfinden, sind die lasierende Untermalung, um auf eine diffuse Weltebene und eine höher Transzendierung in der Abstraktionsebene zu verweisen. Des Weiteren hat sich die Überlagerung mit konkreteren, meint realistischen und kommunikativ (im Sinne von durch die neuen Medien geprägt) symbolisierten, Bildelementen auf den Folgeebene, verfestigt. D. h. neben den gesprühten Symbolelementen, die aus selbstgezeichneten Comics meiner Kindheit stammen, finden sich Personen und Tiere, die in ihrer symbolischen Aussagekraft miteinander in Kommunikation treten und so eine übergeordnete Geschichte, durch ihre Bedeutungskraft, mit dem Betrachter eingehen. Dabei entpuppen sich die präzisen Lücken, Linien bzw. Freilassungen in der Zwischenebene wie Lebenslinien, Verästlungen und teilweise wie ein Labyrinth, je nach Interpretation durch den Rezipienten.

Ich als Katalysator zwischen Bild und Betrachter schaffe nur Bildelemente, die vom Betrachter durch seine individuellen Vorerfahrungen Richtungen erhalten. D. h. der Bildschöpfer verweise zwar auf mediale, gesellschaftliche und biographische Problematiken wie Transsexualität, Travestie, Flucht, Isolation, Feminismus oder Resozialisierung, dennoch lässt der Bilderzeuger den Betrachter seine Deutungsebene. Hierbei sei insbesondere auf das wiederholt auftretende Regenbogen-Symbol als Zeichen des Freigeistes, der Befreiung und kulturellen Vielfalt verwiesen, dass der Betrachter multidimensional auf sich, auf die Biographie des Bildproduzenten, die Gesellschaft oder gegenwärtige Medien beziehen kann.

Ich könnte den Betrachter ein Katalog der Symboliken an die Hand geben, um meine Bilder wie eine Karte zu lesen. Dieser Gedanke wäre naiv, insofern der Betrachter sich nicht anstrengen müsste, sondern alles sinngemäß „vorgekaut“ bekommt. Meine Bildwelten haben eine biographische, fremdgesteuerte und gesellschaftliche deutbare Ebene. Also keine eindeutige Ebene, wenn auch durch die Symboliken im engeren Sinne erlebbare Welt.

Die Thematik des Heldentums als allzeitliches Phänomen ist auch in anderen Werkzyklen von mir anzufinden: „Mix Media“-Arbeiten, aber auch digitale Bildmanipulation und Animationsfilme nutzen dieses kulturelle Phänomen. Weitere korrespondierende inhaltliche Schwerpunkte sind multimediale Einflüsse auf die gesellschaftlichen Grundfunktionen, Identitätsmanipulation und neo-mythische Symboliken.

 

 

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Inszeniertes und [de]montiertes Ich – Überlegungen über die Grenzen der fotografischen Selbstinszenierung

„Inszenierte Fotografie“ bezeichnet „nahezu jede Form von Fotografie […], der man auf den ersten Blick ansieht, daß sie nicht im sog. Schnappschußverfahren entstanden ist.“[1] „Inszenieren“ steht hierbei für eine szenische, narrative Darstellung.[2] Es wird auch häufig der Terminus „Erfundene Wirklichkeiten“[3] verwendet. In diesem Zusammenhang lässt sich auch von „Scheinrealität“ sprechen, welche sich als eine fotografische Realität zur Wirklichkeit wie eine Fiktion verhält.[4] Der Ursprung der inszenierten Fotografie liegt im Theater, wo es um die „la mise en scène“[5] geht, was das Bühnenarrangement umfasst. „Mise en scène“, die Regie, erweitert den Begriff zur „Gesamtheit der Mittel szenischer Interpretation“[6]. Auf die inszenierte Fotografie angewandt bedeutet dies, dass eine Szene abgebildet wird. Das Foto kann man sich dabei als „auf die Bildfläche übertragene (Theater-)Sequenz vorstellen“.[7]

In meinen Bildern überschreite ich die Grenze[8] der klassischen Fotografie. Dies geschieht auf dreierlei Weise:

  1. Es wird Malerei durch die Bezugnahme auf Bilder anderer Künstler als etwas Theatralisches inszeniert;
  2. durch das Montieren der einzelnen fotografischen Elemente auf einer anderen Ebene, welche nicht zum entsprechenden Bildelement gehört, wird das Bild zu einer digitalen Bildmontage;[9]
  3. die gemalte Malerei im Hintergrund reflektiert die im Vordergrund dargestellte Inszenierung in subjektiver Form als Reaktion auf das Originalbild des Künstlers.

Aufgrund der digitalen Bildbearbeitung mit einem Bildbearbeitungsprogramm und der Einbettung einer expressiven Malerei im Hintergrund kann somit von einer Fotomontage-Malerei gesprochen werden. Wenn man meine Fotostrecke stilistisch einordnen müsste, so würde sie der Moderne entgegenstehen und der Postmoderne zugeordnet werden. Dafür sind  mehrere Merkmale als maßgeblich anzusehen: Das Erfinden bzw. Konstruieren des Bildes, der Rückgriff auf Bilder anderer, die Manipulation des Bildmaterials und die Untergrabung des Wahrheitsanspruches durch ein autonomes Bild.[10] In meiner Arbeit geht es um die Fragen: Bin Ich? Wenn ja, wer bin ich?

[1] Walter, Christine: Bilder erzählen! – Positionen Inszenierter Fotografie: Eileen Cowin, Jeff Wall, Cindy Sherman, Anna Gaskell, Sharon Lockhart, Tracey Moffatt, Sam Taylor-Wood, Weimar 2002, S. 10. Inszenierte Fotografie sei „nichts anderes, als daß der Bildgegenstand für die Aufnahme in räumlicher Disposition, Ausschnitt und Beleuchtung sorgfältig gestellt wird, die Aufnahme nur die Dokumentation dieses künstlerischen Aktes der ‚Inszenierung‘ ist.“ Weiermaier, Peter: Zum Problem der inszenierten Fotografie im 19. und 20. Jahhundert, in:  alte und moderne Kunst, Heft 198/199, 1985, S. 29-37.

[2] Vgl. Walter 2002, S. 25.

[3] Vgl. Walter 2002, S. 26.

[4] „Neither true nor false […], they [the photographs] records fake situations that actually took place, or alter in the printing process realities documented through the lens. Theatre is their model – with its surrogate reality, narrative continuity, and emotional charge – and the studio is their stage.” Hoy, Anne H.: Fabrications – Staged, Altered, and Appropriated Photographs, New York 1987, S. 7.

[5] Übersetzt heißt „la mise en scène“ so viel wie „Setzung in die Szene“. Umgangssprachlich bezeichnet dieser Begriff das „in die Szene setzen“. Vgl. Walter 2002, S. 53.

[6] Walter 2002, S. 54.

[7] Walter 2002, S. 56.

[8] „Durch den Austausch mit anderen Kunstgattungen, Disziplinen und Medien findet eine Erweiterung der verwendeten Formen und Materialien statt.“ Wenzel, Anna-Lena: Grenzüberschreitungen in der Gegenwartskunst – Ästhetische und philosophische Positionen, Bielefeld 2011, S. 55.

[9] Im Grunde könnte auch von einer Demontage gesprochen werden, weil das Originalbild nachkonstruiert wird, wenn auch in einer subjektiven Form.

[10] Vgl. Walter 2002, S. 44 f.

 

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Hüllenirritationen – Über die Problematik des Zurückgebliebenen

Die Verhüllung ist überall anzutreffen. Der Mensch bedeckt seinen Körper mit Kleidung. Er kostümiert sich mit einer Hülle, die ihm seine Funktion in der Gesellschaft zuweist: Z. B. der Polizist in seiner Uniform oder der Priester in seinem Gewand. Auch Gebäude bedecken ihre Fassaden mit Gerüsten. Tote werden nach einem Anschlag in Decken oder Planen gehüllt. Ein neues Modell eines Autoherstellers wird durch das entfernen des seidigen Tuches enthüllt. In der Antike ist das Phänomen des „caput velatum“ im römischen Opferkult verbreitet. Die Verhüllung erscheint als Demutszeichen gegenüber Gott, dem ein Opfer im Ritual gereicht wird. Die Verhüllung ermöglicht einen veränderten Blick auf das Verborgene. Also wird durch die Verhüllung der Blick auf das Verborgene gelenkt.

So zielen meine Hüllenirritationen auf eine neue Kontextualisierung des Abgeformten, aber nicht mehr unterlegten Objektes. Selbst durch die Offenbarung, im Sinne einer „Enthüllung“, bleibt die Lücke, weil die Formgebungsprozesse bereits abgeschlossen sind und nur die zeitliche Irritation als Hülle zurückbleibt.